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Kulturgut

Ich bitte um Verständnis, dass der aktuelle und ungeheuerliche Casus der Badischen Landesbibliothek derzeit die eigentlich archivischen Themen dieses Weblogs überlagert.

Die Badische Landesbibliothek hat eine Dokumentation zum Ausverkauf badischer Handschriften auf
https://www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/aktuelles/aktuellinfo.html
bereitgestellt.

Hier die Presseerklärung der Landesvereinigung Baden in Europa
vom 21. September 2006

Mit Unverständnis und Entsetzen reagiert die Landesvereinigung Baden in Europa auf die Nachricht eines beabsichtigten erneuten Ausverkaufs Badischer Kulturgüter. Der Verkauf der unersetzlichen Handschriften von Weltbedeutung der Badischen Landesbibliothek ist Kulturbarbarei, ausgerechnet in einem Land das sich stets seiner außerordentlichen Kulturförderung rühmt.

Es grenzt an Veruntreuung eines historisch gewachsenen Ensembles, durch welches nicht zuletzt die bedeutende kulturelle wissenschaftliche und historische Bedeutung der Klöster bis heute dokumentiert werden kann.

Außerdem sind diese Handschriften in der Badischen Landesbibliothek der öffentlichen Nutzung durch weltweit renommierte Wissenschaftler zugänglich und für deren Arbeit unersetzlich. Diese Aufgabe können sie nicht mehr erfüllen, wenn sie in privaten Tresoren verschwinden. Die Landesvereinigung Baden in Europa fordert deshalb die Landesregierung auf, die finanziellen Probleme des markgräflichen Hauses anders zu lösen.

Eine badische Landesregierung würde mit Sicherheit anders agieren und die Probleme lösen. Die Landesvereinigung Baden fordert deshalb, dass aus den Erträgen der Landesstiftung, die zu einem wesentlichen Teil aus dem Verkauf der badischen Gebäudeversicherung (900 Mill. DM) und den Aktien des Badenwerkes (2,5 Milliarden DM) besteht, die Mittel aufgebracht werden.

Hiermit fordere ich vom Land Baden-Württemberg die sofortige Rückgabe der vom württembergischen Königshaus geklauten Handschriften der 1806 säkularisierten Klosterbibliotheken an die römisch-katholische Kirche.

Sollte das nicht in absehbarer Zeit geschehen, fordere ich die Bibliothekare der württembergischen Landesbibliothek auf, die Bestände heimlich an einen sicheren Ort zu bringen, um sie so vor der Gier der Herren Oettinger und Stratthaus zu retten. Auch den badischen Kollegen ist dies anzuraten. Ziviler Ungehorsam ist jetzt gefragt.

Andere Kulturinstitute sollten verdeutlichen helfen, welche Ungeheuerlichkeit sich hier abspielt. So eine Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ganz ohne Bilder ist auch mal schön anzusehen. Oder ein ZKM mit abgeschaltetem Strom. Und das Badische Staatstheater ist auch ohne Schauspieler eine schöne Betonkiste. Am besten allerdings wären Stuttgarter Solidaritätsaktionen, denn über die Hauptstadtgrenzen kommt der durchschnittliche Parlamentiarier ja nur selten hinaus. Irgendwann wird vielleicht auch der letzte CDU-Politiker gemerkt haben, dass man vor leeren Wänden, Regalen und Orchestergräben keine staatstragenden Interviews führen kann und keine Lachs-Canapés an dankbare ausländische Investoren verteilen kann.

Auch die Pyramide auf dem Karlsruher Marktplatz sollte unbedingt abgebaut werden und in Salem wiederaufgebaut werden. Oder gleich in Kairo, irgendwie haben die Ägypter doch das Urheberrecht, ja warum eigentlich nicht gleich die Eigentumsrechte. Da findet sich sicher irgendein Pleitier, der eine lückenlose Herkunft von Cheops nachweisen kann.

Aus der Heilbronner Stimme

Die Einigung zwischen der Landesregierung und dem badischen Adelshaus, wertvolle Kunstgegenstände dem Markgrafen zu überlassen, ist auf deutliche Kritik gestoßen. Während das Kulturministerium das Verhandlungsergebnis „als für alle Beteiligten positiv“ bewertete äußerten sich die Badische Landesbibliothek Karlsruhe sowie die SPD und Verbände eher ablehnend.

„Durch die Einigung wurde endlich Rechtssicherheit über den Besitz geschaffen“, sagte Ministeriumssprecher Gunter Schanz am Donnerstag in Stuttgart. Nach einem jahrzehntelangen Streit zwischen dem Adelshaus und dem Land soll die Markgrafenfamilie von der Landesregierung Baden-Württemberg jetzt Kunstwerke im Wert von 70 Millionen Euro bekommen, um Schloss Salem am Bodensee langfristig zu sichern.

Das Kultusministerium sei bestrebt, dass besonders wertvolle Gegenstände im Land bleiben. „Darunter werden auch einige Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek sein“, sagte Schanz. Das Staatsministerium machte zur Verständigung zwischen Land und Adelshaus keine Angaben.

Nicht mit Kritik sparte die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe. Mit der Rückgabe der Handschriften an das Adelshaus verliere die Biliothek ihre überregionale Bedeutung, sagte Direktor Peter Michael Ehrle. „Das ist für uns das Ende als Forschungsbibliothek. Wir sind dann nur noch eine ganz normale Bibliothek“, sagte Ehrle. Die Landesbibliothek müsste dem Adelshaus etwa 3500 ihrer rund 4200 Handschriften überlassen.

Darunter seien die „Gesta Witigonis“ - die Biografie des Abtes Witigo von der Insel Reichenau - und das Evangelistar aus St. Peter sowie die Handschriften von St. Blasien. Nur die Handschriften der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek zu Donaueschingen würden nicht verkauft. Diese bekam die Bibliothek, weil sie bereits die alten Handschriften besessen hat. „Die Gefahr ist, dass auch die Fürstenberg-Schriften durch den Verlust der alten Handschriften aus Karlsruhe abgezogen werden“, erklärte Ehrle.

[...] Aber gerade das sei das Problem. „Durch den Verkauf wird die Sammlung in alle Winde zerstreut und ganz sicher nicht in Deutschland bleiben“, bedauerte Peter Michael Ehrle.


https://stimme.de/alfa/wt/kultur-news-alt/art1935,869699.html?fCMS=505e18b0c9429bc803f49b020f566ca5

Aus INETBIB

Etwas off topic, aber vielleicht kann ja dieser Film von Stephen Poliakoff den Widerstand gegen solchen Kulturvandalismus inspirieren - in den USA gerade erschienen: https://www.amazon.com/Shooting-Past-Stephen-Poliakoff/dp/B000FL7CC8
in Großbritannien in dieser Box schon länger erhältlich:
https://www.sendit.com/dvd/item/7001000125474

- sicherlich einer der besten Filme über die Arbeit von Archivaren.

Peter Delin
Zentral- und Landesbibliothek Berlin

aus AMIA-L von heute:
"For those who have neither seen or heard of it, the British made-for-TV production of SHOOTING THE PAST has finally been released on DVD in North America by BBC Warner.

The story centres around the closure of a library that houses a vast collection of historical photographs. The archive has just been acquired by an American company, who intend to convert the building into a business school, and a stuffy bureaucrat is sent ahead to salvage only the "most important" images, and junk the rest. The existing management and staff -- totally unaware of the change in ownership -- desperately plead their case to preserve the entire collection.

The pacing of the production is leisurely, but it lends to the story. In particular, a very moving scene in which a series of innocuous pictures and presented together to help reveal a little piece of bureaucrat's past.

This is one of the finest stories ever told about the work of archivists (though the Timothy Spall character is certainly on the extreme side of "eccentric"), and just a damn good production in general. I recommend it, not for material gain, but merely for personal interest. It was after watching it, about 7 years ago, that I sought out AMIA and joined this mailing list.
dw Darryl.Wiggers@CORUSENT.COM "

Presseerklärung vom 21. September 2006

Zur Absicht der Landesregierung Baden-Württemberg, den Handschriftenbestand der Badischen Landesbibliothek zu verkaufen

Die Badische Bibliotheksgesellschaft, ein seit 40 Jahren bestehender Förderverein für die Badische Landesbibliothek mit etwa 500 Mitgliedern, hat mit völligem Unverständnis die Pläne der Landesregierung über den Ausverkauf unseren kulturellen Erbes zur Kenntnis genommen.

Die Mitglieder der Bibliotheksgesellschaft haben in der Vergangenheit große Anstrengungen unternommen, durch großzügige Spenden den Bestand der Bibliothek an Handschriften und alten Drucken zu ergänzen sowie für die Weiterführung der entsprechenden Katalogisierung zu sorgen, was international große Beachtung fand. Damit hat Bürgersinn einmal mehr den Staat bei seinem Bemühen um den Erhalt und die Pflege von Kulturgütern unterstützt. Der jetzt ins Auge gefasste Eingriff in den Bestand der Bibliothek karikiert alle bisherigen Beteuerungen der Landesregierung, die Arbeit unserer Fördergesellschaft anzuerkennen und zu unterstützen.

Der Verkauf hochwertiger Kulturgüter, die seit Generationen in öffentlicher Obhut und im öffentlichen Bewusstsein sind, darf in einem wohlhabenden Kulturland nicht möglich sein. Allfällige politische und juristische Überlegungen und Vorhaben zwecks Unterstützung anderer kultureller Dinge (hier spielt der Unterhalt von Salem die Hauptrolle) müssen solidarisch aus dem Gesamtetat des Landes gedeckt werden. Wir sind ein einziges Land und kein Bund zweier Fürstentümer. Solidarität aller Landesteile ist gefragt und muss von der Regierung organisiert werden. Eingriffe in unsere spezifische Kultur sind tabu. Es gibt nur eine Gesamthaftung des Staates bei der Finanzierung dringender Aufgaben.

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Klose
Vorsitzender der Badischen Bibliotheksgesellschaft
Karlsruhe

Update zu: https://archiv.twoday.net/stories/2697632/comments/2701884/

"Moritz Wedell" schrieb in MEDIAEVISTIK
>
> Liebe Kolleginnen und Kollegen,
>
> auch die Süddeutsche Zeitung berichtet heute über diesen
> Vorgang.
> Aber g i b t es denn Möglichkeiten, hier zu
> intervenieren? [...]

Ich waere dankbar, wenn mir fuer Dokumentationszwecke
Presseveroefentlichungen (ggf. auch als Scans - dann bitte
an klausgraf at gmail.com ) zugeleitet werden koennten, da
ich in meinem Weblog https://archiv.twoday.net ueber den
Fortgang der Angelegenheit berichten moechte und mit
Personen in Verbindung stehe, die daran denken,
oeffentliche Proteste zu organisieren. Dies betrifft
sowohl die Uni Freiburg als auch den Mediaevistenverband.

Bereits im Fall Donaueschingen habe ich beklagt, dass es
keine Moeglichkeit des Rechtsschutzes gegen
Bewertungsentscheidungen der Denkmalaemter bzw. der fuer
die Eintragung national wertvollen Kulturguts zustaendigen
Ministerien gibt.

Rechtlich ist es so, dass die Einstufung als geschuetztes
Objekt nach objektiven, fuer den betroffenen Eigentuemer
gerichtlich voll nachpruefbaren Kriterien erfolgt, auch
wenn den Behoerden ein Beurteilungsspielraum zukommt. Alle
Stuecke, die Kulturdenkmaeler oder national wertvolles
Kulturgut SIND, sind zwingend zu schuetzen. Aus politischen
oder anderen Gruenden darf nicht vom Schutz abgesehen
werden. Soweit die Theorie.

Eine klagefaehige Rechtsposition hat allerdings nur der
Eigentuemer und da liegt natuerlich der Hase im Pfeffer.
Wir brauchen also dringend ein Verbandsklagerecht wie im
Naturschutzrecht, das erlaubt, die Willkuerentscheidungen
der Ministerialbuerokratie gerichtlich zu kontrollieren.
Die Landesregierung kann also das Denkmalamt und das
Ministerium anweisen, von einem Schutz abzusehen und das
wars dann. Nach herrschender Lehre hat kein betroffener
Wissenschaftler das Recht, diese Entscheidung - und sei sie
noch so anfechtbar - gerichtlich anzufechten.
Allerdings sollte man in einem Verwaltungsgerichtsprozess
austesten, ob sich aus dem Grundrecht der
Wissenschaftsfreiheit nicht doch eine Klagebefugnis ergibt,
da im Denkmalschutzgesetz ausdruecklich ein Schutz aus
wissenschaftlichen Gruenden vorgesehen ist und es ja nicht
angeht, dass der Staat durch Verkauf der Wissenschaft den
Forschungsgegenstand entzieht, den er als Kulturdenkmal
schuetzen muesste. Das ist aber nicht mehr als eine vage
Moeglichkeit.

Erfolgversoprechender ist oeffentlicher Druck:

* Verbreiten der Nachricht im Kollegenkreis

* Proteste und Artikel/Leserbriefe in der Presse

* Offene Briefe von Wissenschaftlern und ihren
Organisationen an die Landesregierung

* Direktes Ansprechen politischer Entscheidungstraeger.

* Suche nach alternativen Finanzierungsquellen (Stiftungen
usw.)

Es g i b t Moeglichkeiten zu intervenieren und wir
sollten das auch tun.

Jürgen Wolf und Klaus Klein schrieben in den Listen MEDIAEVISTIK und Diskus:

> Der heutigen Ausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung (20.9.2006)
> entnehme ich unter der Überschrift "Hilft ein Superdeal
> dem Haus Baden aus der Klemme?", daß z.Zt. Gespräche
> stattfinden zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem
> Haus Baden über die Veräußerung von Teilen "der
> Handschriftensammlung der Badischen Bibliothek".
>
> Weiß jemand der Listenteilnehmer etwas über diese
> "Handschriftensammlung der Badischen Bibliothek", für die
> laut Zeitungsbericht "etwa 70 Millionen Euro auf dem
> freien Markt zu erlösen" sind? - Um die
> Handschriftenbestände der Badischen Landesbibliothek in
> Karlsruhe kann es sich ja wohl nicht handeln.

Eine kleine Suche bei Google News und das Raetsel ist auf betroffen machende Weise geloest:

In der Heidenheimer Neuen Presse https://digbig.com/4myty lesen wir:

"Fast immer liegen Peter Michael Ehrles Schätze im Tresor. Selten kann man einige in Ausstellungen bewundern, keine hundert Experten im Jahr dürfen sie, wissenschaftliches Interesse vorausgesetzt, berühren: Es geht um die alten Handschriften, die der Direktor der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe wie seinen Augapfel zu hüten hat. Die Vorstellung, dass vielleicht schon bald nicht nur das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden (1490), das Evangelistar aus St. Peter (um 1200) oder Lektionare von der Klosterinsel Reichenau aus dem zehnten Jahrhundert verkauft werden könnten, schien Ehrle gestern noch aus aller Welt zu sein. Nur gerüchteweise hatte der Bibliotheksdirektor bisher davon gehört, dass es ein ganz neues Interesse an den Beständen seines Hauses gibt. Von Details freilich wusste er bis gestern nichts. Kein Wunder. Während man sich in Karlsruhe auf den Festakt zum 200. Jahrestag der Erhebung Badens zum Großherzogtum am kommenden Sonntag mit Festredner Ministerpräsident Günther Oettinger und Prinz Bernhard von Baden vorbereitet, geht es hinter den Kulissen um etwas ganz anderes: Wie kann dem hochverschuldeten Adelshaus aus der Klemme geholfen, dessen einzig verbliebener Sitz, Schloss Salem am Bodensee, auf Dauer erhalten, der Verkauf wertvoller Gemälde und anderer Kunstgegenstände verhindert und ein seit Jahrzehnten schwelender Rechtsstreit zwischen dem Land und dem Haus für immer ausgeräumt werden? Unter größter Geheimhaltung bereiten das Land und das Haus Baden einen Deal vor, der allen Interessen gerecht werden soll. Die Quadratur des Kreises ist er gleichwohl nicht: Gewissermaßen geopfert werden Teile der Handschriftensammlung der Badischen Bibliothek. Ziel ist es, wie aus bestens unterrichteten Kreisen zu erfahren war, etwa 70 Millionen Euro auf dem freien Markt zu erlösen. Mit bis zu 30 Millionen Euro sollen die finanziellen Altlasten des Hauses Baden bedient werden. Der Rest soll in eine Stiftung Schloss Salem gesteckt werden. [...] Seit Jahr und Tag gibt es, anders als im Fall anderer Adelshäuser, zwischen Land und dem Haus Baden unterschiedliche Ansichten über die rechtlich korrekte Besitzzuordnung bedeutender Teile badischer Kunstschätze. Das als strittig eingeschätzte Volumen beläuft sich auf mehrere hundert Millionen Euro. Betroffen davon sind große Teile der Handschriften, aber auch Gemälde, die zum Bestand der Staatlichen Kunsthalle gehören. Um sich über Verkäufe sanieren zu können, soll das Adelshaus dem Land sogar mit einem Prozess gedroht haben. [...] Der Rechtsstreit könne zugunsten des Landes ausgehen - aber auch nicht. Wird der Deal wie vorgesehen vertraglich abgewickelt, ist der Rechtsstreit zugunsten des Landes beendet. Alle verbleibenden badischen Kulturgüter gehen in den Besitz des Landes oder der Stiftung über, darunter auch wertvolle Gemälde in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (Cranach, Hans Baldung Grien). "Im Einvernehmen wird geregelt, was verkauft wird". Bibliotheksdirektor Ehrle ist überzeugt: Wenn 70 Millionen Euro erlöst werden, "müssen aus dem vom Haus Baden reklamierten Bestand "alle Spitzenstücke und mehr weg. Die Sammlung wäre zerstört."
BETTINA WIESELMANN

Zu den genannten Spitzenstuecken:
https://www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/2006/blb-geschichte.php

Dort auch die bisherige Lesart der Eigentumsverhaeltnisse: "Die Großherzogliche Hofbibliothek wurde 1872 aus der Hofverwaltung gelöst und dem badischen Innenministerium unterstellt. Durch diese "Verstaatlichung" wurde auch der Aufgabenbereich der neuen Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek erweitert. [...] Nach dem Ende der Monarchie (1918) wurde die Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek in Badische Landesbibliothek umbenannt und dem Kultusministerium unterstellt."

Ich kann mich nicht erinnern, dass anlaesslich des skandaloesen Verkaufs des Kulturguts des Hauses Baden im Jahr 1995 die Zugehoerigkeit von Kulturgut, das sich ausserhalb des in Salem und Baden-Baden und evtl. auf anderen Besitzungen befindlichen Privateigentums des Hauses Baden befindet, als strittig thematisiert wurde. Massgeblich ist insoweit das im Badischen Gesetzesblatt vom 9. April 1919 veroeffentliche Gesetz (das mir jetzt nicht vorliegt).

Angesichts der ungeheuerlichen Aussicht, dass Spitzenstuecke der Badischen Landesbibliothek im Handel landen wird man neben der Erzeugung politischen Drucks auf die Politiker, den dreisten Anspruechen des Hauses Baden nicht nachzugeben, an den Schutz herausragender Einzelstuecke durch das Gesetz gegen Abwanderungen deutschen Kulturgutes und geschlossener Ensembles nach dem baden-wuerttembergischen Denkmalschutzgesetz ins Auge fassen muessen. In der Vergangenheit (Hofbibliothek Donaueschingen, Baden-Auktion 1995 usw.) hat sich das Denkmalamt als zahnloser Tiger erwiesen. Betroffene Wissenschaftler koennten versuchen, unter Berufung auf Art. 5 GG eine Klagebefugnis vor einem Verwaltungsgericht abzuleiten, da Denkmaeler Sachen und Sachgesamtheiten sind, die unter anderem aus wissenschaftlichem Interesse bleibend erhalten werden. Ansonsten steht die Forschung einmal mehr fassungslos da und staunt, was gierige (Ex-)Eigentuemer und willfaehrige Politiker alles zur Disposition stellen koennen.

Wen geht das Thema an?

Uns alle!

Wer ist betroffen?

öffentliche und private Archive
Archivare
Genealogen
Bürger
Verbände und Vereinigungen (VdA, Archivreferentenkonferenz usw.)

Was kann man tun?

Wenn Bürger bei Ebay oder auch in Antiquariatskatalogen "Archivgut" (genuin öffentliches Archivgut oder genuin privates Archivgut von Interesse für öffentliche Archive) sollten sie dem zuständigen Archiv oder den möglicherweise zuständigen Archiven Bescheid geben (am besten auch telefonisch).

Mitsteigern aus besten Absichten (Rettung von Kulturgut für ein öffentliches Archiv) kann für Bürger riskant sein:
* wenn es sich um Diebesgut handelt, kann man womöglich gar nicht rechtmäßiger Eigentümer werden

Außerdem weiss man nie, ob nicht andere aus dem gleichen Beweggrund mitsteigern bzw. ob sich ein Archiv am Bieten beteiligt. Eine solche Konkurrenz zahlt sich nur für den Verkäufer aus, Archive sollten (potentielles) Archivgut natürlich möglichst günstig erhalten.

Ob man gegen nicht öffentlich zugängliche Archive (z.B. Medienarchive) bieten sollte, wenn man weiss, dass diese interessiert sind, muss jeder für sich entscheiden.

Archivverbände sollten gemeinsam mit Genealogenverbänden und eventuell auch Ebay klare Regeln für den Umgang mit Archivgut erarbeiten.

Archive sollten eventuell ein Informationsnetz aufbauen, das Archive über zum Verkauf stehende private Archivalien informiert und Preistreiberei verhindert.

Teil 1: https://archiv.twoday.net/stories/2544153/

Was unterscheidet Ebay vom traditionellen Antiquariats- und Autographenhandel?

Auf Ebay tummeln sich Laienverkäufer, die ein Archivale nicht annäherend so professionell beschreiben können wie ein ausgebildeter Antiquar oder Autographenhändler.

Link
ist ein Beispiel für eine Beschreibung, mit der man als Archivar nichts anfängt:
"Gut erhaltenes, 4-seitiges Schriftstück aus dem Jahr 1685 mit drei schwarzen Lacksiegeln."

Auf den Fotos kann man nichts erkennen, was Provenienz und Ortsbezug angeht.

Weitere Beispiele in der
Kategorie: Antiquitäten & Kunst > Antiquarische Bücher > Antikes & Rares > Frühe Handschriften

Siehe auch:
Kategorie: Sammeln & Seltenes > Büro, Papier & Schreiben > Papier & Dokumente > Dokumente

Man kann also dem Angebot nicht entnehmen
* welches Archiv möglicherweise am Erwerb interessiert wäre
*ob es sich womöglich um Diebesgut handelt.

Ob via Ebay signifikant mehr Diebesgut verkauft wird als über traditionelle Wege, ist mir nicht bekannt.

Es ist durchaus möglich, dass Adels- und andere Privatarchive solche Schriftstücke verkauft haben, abgesehen davon, dass sich Unmengen von solchen Schriftstücken seit jeher legal im Handel befinden, z.B. weil sie genuin aus privater Hand stammen.

In der Regel dürfte es kein böser Wille sein, wenn die Beschreibungen zulänglich ausfallen. Man lese etwa:

" Alter, kulturhistorisch interessanter Brief aus dem Jahre 1675. Da ich nur Bruchstücken wieder geben kann ist es schwer einen zusammenhängenden Bezug zu finden. Bitte den Brief per Foto selber zu lesen. Er stammt aus dem Nachlass eines Pastorenhaushaltes. Vermutlich schon im 17. Jahrhundert abgeheftet und Nummeriert worden, siehe linker Rand. Der Brief ist mit einem Wappenartigen Wasserzeichen versehen und man kann noch gut die Reste des alten Sigelwachses erkennen. Dann gibt es noch einen Stempel der fast durchsichtig ist. Zu erkennen eine Krone. Die Maße betragen: 32cm mal 20cm je 2 Seiten vorn und hinten. Wer Zeit, Geduld und Lust hat und etwas Gutes tun möchte, kann sich ja mit dem Geheimen Staatsarchiv in Verbindung setzen. Alters entsprechend guter Zustand! Für Anmerkungen bin ich dankbar. Der deutschlandweite versicherte Versand beträgt: 4 Euro!"
Link

Teil 2: https://archiv.twoday.net/stories/2544165/

Stefan Guzy schrieb mir (merci!):

Zum Thema "Kirchenbuchverkauf" gab es im Juni diesen Jahres schonmal
in der Oberschlesienliste Aufregung: Auf einer polnischen
Auktionsplattform sollte auch ein 1736-Kirchenbuch (hat sich später
als Ordensmitgliederbuch herausgestellt) aus einer ehemals deutschen
Gemeinde in Niederschlesien verkauft werden. Die Diskussion, ob
mitzubieten sein und dann das Buch an ein entsprechendes Archiv
abzugeben uferte schnell in das polnische Genealogenforum GenPol aus,
die beschlossen haben, genau diesen Ankaufweg zu gehen. Offenbar ist
es nicht unüblich, daß in Polen historisches Archivgut auf dem Basar
landet, denn es hieß auch von den polnischen Genealogen am 26. Juni
2006: "Es sind noch weiter Kirchenbücher gekauft worden und zwar aus
Dobroszyce - Juliusburg bei Breslau."

weiter heißt es:

"'wir retten gemeinsam Pfarrgemeindenbücher'"
Es ist eine Idee, die von den Internetfreunde Genealogen entstanden ist.
Wir haben vor, gemeinsam die Archivbücher abkaufen, scannen und allem
zugänglich machen und die Originale Urbücher dem zuständigen Archiv überlassen.
Das erste Exemplar des so geretteten Urbuches übergeben wir dem Breslauer Erzdiözesearchiv, weil es die Orte der
Breslauer Gemeinde betrifft. (Die Bücher sind in deutscher Schrift).
Wir möchten dem Willensakt allen zeigen, dass die polnischen Sponsorengenealogen gemeinsam aktiv in dem Rettungsakt
der Kultur und des Denkmals zum Wohle der Allgemeinheit unternehmen."

Dazu ein Ausschnitt aus einer Mail von einem genpol-Forenmitglied, die
damals an die Liste ging:

----

Die Aktion
"Retten wir gemeinsam die Kirchenbücher"
hat im pl.soc.gen begonnen und ist dann übergegangen in GenPol, der als
"Medien Patron" wie das Herr Waldemar Fronczak aus Lódz bezeichnet hat und der als Lokomotive dieses Projektes gilt. Mit der Realization begonnen hat
Herr Wojciech Jendraszewski aus Gniezno der sich um den Ankauf und Scan gekümmert hat.
Das Finale diese Aktion - die Feierliche Übergabe ans Archiv hat man der Schlesischen Genealogischen Gesellschaft anvertraut.

Hier die Liste der Sponsoren die es ermöglicht haben dieses Buch zu erwerben:
Ewa Rembikowska - Warszawa, Dariusz Stolarski - Turek,
Jerzy Trynkowski - Warszawa, Ewa Vitowec - Traiskirchen,
Andrzej Kuzinski - Warszawa, Krzysztof Kurys - Bystrzyca,
Wojciech Wypych - Gdansk, Marian Smutek - Krosno Obrzanskie,
Waldemar Fronczak - Lódz, Boguslawa Malinowska - Gorzów Slaski,
Krystyna Cieslak - Gliwice, Wojciech Jedraszewski - Gniezno

Im Namen der Schlesischen Genealogischen Gesellschaft in Wroclaw
Grzegorz Mendyka
gmendyka @ wp.pl
tel. 71-321 90 44 k.0502 840055

---

Die Übergabe an das zuständige Archiv wurde feierlich begangen:

https://genealodzy.pl/fotoalbum/thumbnails.php?album=14

Eine Breslauer Zeitung schrieb auch darüber (ich kann leider kein
polnisch):

https://miasta.gazeta.pl/wroclaw/1,37663,3443759.html

Und hier kann man das (ganz hübsch gebundene) Buch sehen:

https://www.genpol.republika.pl/page_1.htm

 

twoday.net AGB

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