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Kulturgut

SWR2 Forum: Donnerstag, 28. September 2006, 17.05 Uhr - Mein Erbe, mein Schloss, meine Verantwortung -
Der Handschriftendeal zwischen dem Haus Baden und dem Land Baden-Württemberg. Gesprächsleitung: Eggert Blum.

Es diskutieren:
Dr. Klaus Graf, Historiker und Archivar, Universität Freiburg; Prof. Reinhard Mußgnug, ehem. Ordinarius für Öffentliches Recht, Universität Heidelberg; Dr. Hans-Jürgen Vogt, Mitglied im Vorstand der Badischen Bibliotheksgesellschaft, kulturpolitischer Sprecher der CDU im Gemeinderat von Karlsruhe.

https://www.swr.de/swr2/sendungen/swr2-forum/index.html

Gibts danach auch im Format mp3 ("Podcast")

Aus der Liste MEDIAEVISTIK (das Listenarchiv hinkt jeweils einen Monat hinterher):

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Ministerpräsident Oettinger glänzt heute mit folgendem Statement:

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) zeigte sich von der massiven Kritik am geplanten Verkauf nicht überrascht. Er habe mit einem kritischen Echo auf das Vorhaben gerechnet, sagte er im pfälzischen Herxheim. «Die Kritik kommt aber im Kulturteil der Zeitungen, nicht auf den Wirtschaftsseiten», erklärte er zu Zweifeln am finanziellen Erfolg der geplanten Versteigerung der Handschriftensammlung.

(https://www.suedkurier.de/nachrichten/dpa/starline/kulturwelt/art808,2226430.html?fCMS=e331958f1fb74d94edd6148ce16cf957)

Es verschlägt einem fast die Sprache, wie zynisch ein auf Zeit gewählter "Volksvertreter" mit dem ihm anvertrauten historischen Erbe nicht nur seiner Provinz umgeht. "Es wurde einer mit dem Baseballschläger umgehauen? Na und - stand ja nicht auf der Sportseite". Ich versuche seit Tagen, ruhig zu bleiben, aber solcherlei Äußerungen des kulturellen Hirntods können nun wahrlich nicht mehr mit Zurückhaltung zur Kenntnis genommen werden.

Eine hübsche Überschrift hat die NZZ gefunden (wobei "Stuß aus Stuttgart" wohl passender wäre) - darauf hat der Kollege Kipf ja eben schon hingewiesen:
"Banausen in Baden" (https://www.nzz.ch/2006/09/27/fe/articleEIKUM.html)

Ferner möchte ich im Einverständnis mit Felix Heinzer folgende Mitteilung von ihm weiterleiten:

1) Ein längerer Text zum Thema wird in der FAZ erscheinen, vielleicht noch Freitag oder Samstag, spätestens aber Anfang nächster Woche.

2) Ist es vielleicht nicht uninteressant zu wissen, daß man am Montag von Seiten des Stuttgarter Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst an mich [Felix Heinzer] herangetreten ist (im Rahmen einer Voranfrage) als auswärtiger Gutachter in der geplanten Kommission mitzuwirken, die eine Auswahlliste der zu veräußernden Handschriften erstellen soll, wobei auf meine besondere Vertrautheit mit dem Bestand abgehoben wurde.
Ich habe in erster spontaner Reaktion abgesagt, und bleibe auch nach ruhigerer Reflexion bei diesem Nein, was ich heute übrigens auch dem Spiegel-Redakteur in einem längeren Telefonat mitgeteilt habe. Ich sehe diese Absage durchaus auch als eine Möglichkeit des öffentlichen Protests gegen den unerhörten Vorgang - das darf durchaus publik werden, deshalb habe ich im Gespräch mit dem Spiegel diesbezüglich kein Blatt vor den Mund genommen.
Die Gründe für dieses Nein sind vielfältig:
Als ehemaliger DFG-Katalogbearbeiter einer der Provenienzen, die zur Debatte stehen, empfinde ich es als geradezu zynisch, bei der Zerschlagung dieses Bestandes mitwirken zu sollen (für die St. Peterer Handschriften hätte ich dann auch noch unfreiwillig eine Art "Handbuch" mitgeliefert).
Über diese persönliche Betroffenheit hinaus - und das ist natürlich wichtiger - meine ich, daß man in eine solche Kommission nicht hinein darf (wenn man nicht von Amts wegen dazu gezwungen wird), weil grundsätzlich nicht verwischt werden darf, daß die Veräußerung jeder Handschrift oder einzelner Bestandskomplexe verurteilt werden muß und eine Auswahlregelung kein Ausweg ist, weil sie das grundsätzliche Tabu des Verkaufs von Kulturgut, das in öffentlichen Einrichtungen verwahrt wird, durchbricht.
Im übrigen muß man, wie ich meine, alle Kräfte aufs Verhindern konzentrieren. Ich glaube, daß noch nicht alles verloren ist - und da wäre die Mitwirkung in einem solchen Gremium das falsche Signal, während eine möglichst generelle Absage seitens der eingeladenen "Experten" vielleicht doch dazu beitragen könnte, daß man auch in Stuttgart merkt, hier stimmt was Grundsätzliches nicht!

Herzlich
Felix Heinzer

Dem schließt sich an
Falk Eisermann

Via EXLIBRIS kam von Klaus Klein:

Liebe Listenmitglieder,

zu dem von der Landesregierung Baden-Württemberg geplanten Verkauf von großen
Teilen der mittelalterlichen Handschriften der Badischen Landesbibliothek
Karlsruhe sollten wir - auch aus Gründen der Selbstachtung - nicht
schweigen. Niemand soll uns später den Vorwurf machen, wir hätten uns nicht
öffentlich zu Wort gemeldet.
Aus diesem Grund haben wir in Marburg einen 'Offenen Brief' an den
Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg und die Abgeordneten des
Landtags verfaßt. Diesen Brief können Sie im Internet unter folgender Adresse
einsehen:

https://www.handschriftencensus.de/brief/

Um dem 'Offenen Brief', den wir in Kürze an den Ministerpräsidenten, an die
Abgeordneten und an die Presse weiterleiten werden, einen größeren Nachdruck
zu verleihen, sollte er von möglichst vielen Personen (auch aus dem Ausland)
mitgetragen werden. Ich bitte Sie daher, diesen 'Offenen Brief' zu
unterzeichnen, indem Sie Ihre Zustimmung an meine E-Mail-Adresse senden
(kleink@staff.uni-marburg.de); ich werde Ihre Namen dann umgehend an den Brief
anfügen. Benötigt werden lediglich folgende Angaben: Titel, Vorname,
Nachname, Institution/Ort (Email-Adressen werden nicht veröffentlicht).
Bitte machen Sie auch Ihre Kolleginnen und Kollegen, die nicht Mitglied in der
Mediaevistik-Liste und in der Diskus-Liste sind, auf den 'Offenen Brief' und
die Möglichkeit der Mitunterzeichnung aufmerksam. Personen, die über
keinen E-Mail-Zugang verfügen, können Ihre Zustimmung auch per Fax
übermitteln (06421 - 282 48 61).

Brieftext

Offener Brief
an den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg
und die Abgeordneten des Landtags von Baden-Württemberg

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

ungläubig und entsetzt haben wir zur Kenntnis genommen, daß die Landesregierung beabsichtigt, in großem Stil mittelalterliche Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zu veräußern. In einem beispiellosen Akt der Barbarei würde dem Land damit ein zentraler Bestand seines kulturellen Erbes genommen.

Die Masse der Handschriften, um die es geht, stammt aus den Bibliotheken der Klöster im Schwarzwald, am Oberrhein und am Bodensee. Sie dokumentieren in einzigartiger Weise das geistige Leben der Region, wie es sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Handschriften vor zweihundert Jahren im Zuge der Säkularisation durch Enteignung in die Obhut des Staates gekommen. Sie wurden seither unter Einsatz erheblicher öffentlicher Mittel konserviert und erschlossen. Durch den Verkauf würden sie in alle Winde zerstreut. Der gewachsene Zusammenhang der Sammlungen würde zerrissen und viele der Handschriften wären nur noch schwer oder gar nicht mehr zugänglich. Es wäre eine zweite Enteignung.

Als Fachleute, die mit der Erforschung und Auswertung mittelalterlicher Handschriften befaßt sind, appellieren wir an Sie als die Verantwortlichen in Regierung und Parlament: Fügen Sie dem Land, dessen Menschen Sie als ihre Vertreter gewählt haben, nicht unersetzlichen Schaden zu, nehmen Sie Abstand von dem unseligen Vorhaben!

Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), 27.09.2006, von Dr. Jutta Rateike

https://idw-online.de/pages/de/news177138

Bestände müssen für Wissenschaft zugänglich bleiben

Das Land Baden-Württemberg plant im Rahmen eines Vergleichs den Verkauf großer Teile des Handschriftenbestandes der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Bei diesen Schriften handelt es sich um fünf Prozent des gesamten deutschen Bestandes dieser einmaligen Schriftquellen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Erschließung und Katalogisierung der Handschriften mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert und erwartet daher, dass diese Bestände dauerhaft für die Wissenschaft und Forschung zugänglich bleiben. Die DFG appelliert deshalb nachdrücklich an die baden-württembergische Landesregierung, diesen Zugang weiterhin sicherzustellen.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften bieten Einblicke in die geistige Welt einer vergangenen Epoche und sind daher einzigartige und unverzichtbare Quellen für die geisteswissenschaftliche Forschung. Die langjährige, stetige Förderung der DFG hat mit dazu beigetragen, dass die deutschen Bibliotheken bei der Erschließung von mittelalterlichen Handschriftenbeständen im internationalen Vergleich eine Spitzenstellung erlangen konnten. Diese führende Position ist unverzichtbar mit dem langfristig verlässlichen Zugang der Forschung zum gemeinsamen deutschen Kulturerbe verknüpft. Die DFG erwartet bei der Vergabe von Fördermitteln, dass die geförderten Bibliotheken als zuverlässige Partner ihre Handschriften und Originalquellen für Wissenschaft und Forschung zugänglich machen.

Die DFG fördert die Erstellung von Katalogen zu mittelalterlichen Handschriften im Programm "Kulturelle Überlieferung" seit 1960. Seitdem sind über 200 Kataloge zu thematisch, zeitlich und regional sehr unterschiedlich charakterisierten Beständen erarbeitet worden. Derzeit werden in Deutschland rund 30 Projekte dieser Art gefördert. Seit 1992 wurden die Kataloge auch maschinenlesbar erarbeitet, und ein großer Anteil ist heute im Internet im DFG-geförderten Handschriftenportal https://www.manuscripta-mediaevalia.de entgeltfrei recherchierbar.

Ansprechpartnerin für Fragen zur DFG-Förderung von Handschriftenerschließungen ist Dr. Eva Effertz, Tel. 0228 885-2101, E-Mail: Eva.Effertz@dfg.de .

Julia Schröder in der Stuttgarter Zeitung vom 25. September:

Die Zeiten haben sich geändert. Wo alle den Gürtel enger schnallen und neue Flexibilität zeigen müssten, könne die Kultur nicht ungeschoren bleiben, heißt das Argument, das auch im Fall des geplanten Handschriften-Ausverkaufs in Karlsruhe wirksam ist. Um dem Land die umstrittenen Eigentumsrechte an Kunstbeständen aus früherem Adelsbesitz zu sichern, so die Logik dieses Plans, müssen die Handschriftenbestände aus ebendiesem Besitz in den Skat gegeben werden; um ein Kulturerbe zu sichern, muss halt ein anderes dran glauben. Zumal es sich vor Handschriften, die aus guten Gründen selten das Tageslicht sehen, nicht so gut posiert wie vor erlesenem Kunsthandwerk oder großformatigen Gemälden.

Der Vorgang "Land Baden-Württemberg vs. Adelshaus Baden" ruft andere Vorgänge in Erinnerung, die durchaus unterschiedlich sind, aber ein und dieselbe Tendenz aufweisen. Ob man nach Krefeld schaut, wo die Stadt ein Monet-Gemälde verscherbeln will, um mit den erhofften 20 Millionen ihr Museum (und womöglich die Stadtkasse) zu sanieren; ob man sich an Weimar erinnert, wo die Klassik-Stiftung ihren Mörike-Bestand verkaufen musste, damit das Land Thüringen seinen Verpflichtungen in einem Restitutionsvergleich mit dem dortigen Adelshaus nachkommen konnte; ob man sich an die glorreichen Vorschläge des baden-württembergischen Landesrechnungshofs erinnert, den "behutsamen Abbau" der Bestände der Staatsgalerie betreffend - die Richtung ist ebenso klar wie fatal: "die Kultur" wird für ihre Kosten haftbar gemacht.

Aber "die Kultur" kann für sich und ihre Kosten nicht einstehen. Wenn umgesetzt würde, was sich in manchem Politikerhirn als prima Lösung festgesetzt zu haben scheint, gibt es "die Kultur" in diesem Sinne bald nicht mehr. Man hat den Eindruck, was Kultur eigentlich sein soll, ist manchem Entscheidungsträger nicht mehr klar. Ist Kultur nicht mehr als jenes "Innovative", das die überaus gut ausgestattete, aber leider in vielen Fällen nicht in Frage kommende Landesstiftung zu fördern bestimmt ist? Jenes "Imageaffine", das Sponsorenbörsen öffnet? Jenes Repräsentative, mit dem man sich gern schmückt? Die Sonntagsrede auf einem kulturpolitischen Kongress? Das alles ist freilich Kultur. Vor allem jedoch ist Kultur das, was wir von denen, die nach uns kommen, auch nur geborgt haben, um es zu beschützen.

Diese Bildunterschrift zum verkaufsgefährdeten Speyerer Evangelistar in den BNN
https://www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/2006/presse-bnn060926.php
trifft den Nagel auf den Kopf.

Die Unterstützung für die Landesbibliothek nimmt erfreulicherweise zu.

https://www.n-tv.de/714439.html

"Wenn Kulturgüter verhökert werden, um öffentliche Haushalte zu sanieren, ist das der Kulturnation Deutschland nicht würdig", sagte der Kulturexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto, am Dienstag in Berlin. Auch seine Parlamentskollegin Karin Binder (Die Linke) äußerte "vollkommenes Unverständnis". [...] Der Deutsche Kulturrat forderte grundsätzlich, den "Raubbau" in Museen und Bibliotheken zu stoppen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann verwies auf vergleichbare Erwägungen der Stadt Krefeld, wo zur Museumssanierung ein wertvolles Gemälde verkauft werden soll, sowie den Vorschlag des Landesrechnungshofs Baden-Württemberg zum "maßvollen Abbau" der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart. Diese Beispiele belegten: "Das Verkaufen von öffentlichem Kulturgut wird rasend schnell salonfähig". Dieser vermeintliche Königsweg zur Bewältigung außergewöhnlicher Belastungen im Kulturhaushalt sei in Wirklichkeit "eine Art Räumungsverkauf von öffentlichem Kulturbesitz".

Selten dümmlich äußerte sich MP Oettinger laut der gleichen Quelle: Die Kritik kommt aber im Kulturteil der Zeitungen, nicht auf den Wirtschaftsseiten. Seit wann sind mittelalterliche Handschriften außer bei Berichten über Versteigerungen Thema der Wirtschaftsseiten?

Zur Position des Kulturrats siehe
https://www.verbaende.com/News.php4?m=41585

Das Karlsruher MdB Karin Binder (Die Linke) hat sich deutlich gegen den Verkauf ausgesprochen (oben bereits erwähnt): Es handle sich um Ausverkauf gesellschaftlichen Eigentums.
https://www.ka-news.de/karlsruhe/news.php4?show=pmg2006926-98J

Der Südkurier schreibt:

Beinahe wären die [Reichenauer] Handschriften ins Weltkulturerbe aufgenommen worden. Nun das. So leicht könnten 70 Millionen Euro nicht erlöst werden, meint Ehrle. Dazu müsste die gesamte alte Sammlung verkauft werden. An eine von Oettinger angekündigte "Baden-Klausel", wonach Kunst- und Kulturschätze von besonderer Bedeutung für den badischen Landesteil nicht veräußert werden dürfen, glaubt Ehrle nicht. Was soll die unabhängige Expertenkommission denn ausnehmen? Ehrle hält einen Vergleich parat: Vor zwölf Jahren zahlte das Land für mehr als 1200 mittelalterliche Handschriften aus der Fürstlich-Fürstenbergischen Sammlung rund 25 Millionen Euro - damals eine Art Freundschaftspreis der Donaueschinger, die unter Geldnot litten. Im Fall Baden seien also gut 3000 Handschriften nötig, um 70 Millionen Euro flüssig zu machen. Ehrle fürchtet einen "ungeheuren Imageschaden". Der scheint sich schon eingestellt zu haben. Norbert H. Ott rechnet in der "Süddeutschen Zeitung" wüst mit der "Teppichhändlermentalität" der Geschäftspartner ab. Eine solche Bibliothek sei ein "Gedächtnisspeicher", der sich erst durch den Mix aus Erlesenem und Alltäglichem zum Profil einer Epoche füge. Finanzkräftige Käufer wie das Getty-Museum Los Angeles aber pickten die Preziosen heraus und ließen den Rest "im Warenkorb". Schloss Salem oder die Bilder Baldung Griens oder Cranachs aufzurechnen, wie es Markgraf Bernhard tue, dokumentiere "totale Ignoranz". Dies sei ein "dreister Versuch der Veruntreuung" des der öffentlichen Hand anvertrauten Erbes. Scharf polemisiert Autor Ott auch gegen die optimistische Erlös-Rechnung: "Hoheit und ihr willfähriger Vasall auf dem Stuhl des baden-württembergischen Ministerpräsidenten werden sich noch sehr wundern, wenn sie auf ihrer der öffentlichen Nutzung entwendeten Beute sitzen bleiben." Denn gut 3500 auf einen Schlag angebotene Codices würden den Markt "hoffnungslos verstopfen". Geräuschlos, soviel ist sicher, werden Oettinger und der Markgraf das Thema nicht mehr erledigen können.

Die deutsche UNESCO-Kommission meldete sich ebenfalls mit harscher Kritik zu Wort (Südkurier):

Dieses Vorhaben wird unter anderem von der Deutschen Unesco Kommission scharf verurteilt, der die Reichenau die Erhebung zum Weltkulturerbe verdankt. Generalsekretär Roland Bernecker sagte gestern zu dieser Zeitung, die Handschriften seien als Teil des Weltdokumentenerbes auch ein "Kernbestand des Reichenauer Weltkulturerbes" und deshalb unveräußerbar. Der beabsichtigte Verkauf sei ein "Schock" und "unbegreiflich für alle, die um die kulturelle und historische Bedeutung" dieser Handschriften wüssten.

***

Der DBV hat gestern folgende Pressemitteilung veröffentlicht, die auch auf seiner Website nachzulesen ist:

https://www.bibliotheksverband.de/

Pressemitteilung

Berlin, 25.09.2006

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. ist entsetzt, dass die
Landesregierung von Baden-Württemberg plant, einem Verkauf der
Handschriften des Hauses Baden, die den wertvollsten Bestand der
Badischen Landesbibliothek bilden, auf dem freien Markt zur Deckung
einer fehlenden Finanzierung des Fürstenhauses zuzustimmen.

'Der Verkauf hochwertiger Kulturgüter, die seit Generationen in
öffentlicher Obhut und im öffentlichen Bewusstsein sind, darf in einem
wohlhabenden Kulturland nicht möglich sein.' Diesem Zitat aus der
Erklärung der Badischen Bibliotheksgesellschaft, die erhebliche Spenden
zum Erhalt und zur Pflege der wertvollen Bestände der Badischen
Landesbibliothek Karlsruhe aufgebracht haben, schließt sich der Deutsche
Bibliotheksverband e.V. vollständig an. Ein Land wie Baden-Württemberg,
das sich immer wieder zur föderalen Struktur in der Kultur bekannt hat,
muss jetzt auch aus seinen eigenen Mitteln den Ausverkauf dieses
wertvollen Kulturguts verhindern und die Bestände für die
Landesbibliothek Karlsruhe sichern.

Prof. Dr. Claudia Lux, Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes
e.V. weist darauf hin: 'Den Verkauf von Kulturgut mit staatlicher
Unterstützung haben wir in Deutschland eigentlich nur zu Zeiten der DDR hinnehmen müssen, die immer wieder Eingriffe in die wertvollen Bestände
der Bibliotheken vornahm, um Devisen zu erhalten. Diese Methode darf nicht zum Vorbild für das Handeln der Baden-Württembergischen Landesregierung werden.'

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. fordert die Baden-Württembergische
Landesregierung auf, den notwendigen Betrag durch Stiftungen und andere
Zuwendungen aufzubringen und als Ablösesumme an das Haus Baden zu
übergeben, um die wertvollen Handschriften und Drucke der Badischen
Landesbibliothek vollständig und dauerhaft als Eigentum des Landes und
damit als öffentliches Eigentum zu sichern.

[...] Im Deutschen Bibliotheksverband e.V. (DBV) sind ca. 2.000 Bibliotheken
aller Sparten und Größen Deutschlands zusammengeschlossen. [...]

Kontakt: Deutscher Bibliotheksverband e.V.
Prof. Dr. Claudia Lux, Vorsitzende oder Barbara Schleihagen,
Geschäftsführerin

Leserbrief in der FAZ vom Dienstag 26.9.2006 S. 8

Die Meldung über den beabsichtigten Verkauf von Handschriften der Badischen Landesbibliothek durch das Haus Baden in Einvernehmen mit der Baden-Württembergischen Landesregierung (F.A.Z. vom 21. September) hat bei allen, die diese Handschriftensammlung kennen, zunächst nur ungläubiges Erstaunen über so viel Ignoranz hinsichtlich des kulturellen Ranges dieser Dokumente, dann aber Entsetzen ausgelöst. Bislang sind derartige Bestandsverluste aus Bibliotheken in öffentlicher Hand nur durch Krieg oder Brände zu beklagen gewesen.

Ein Verkauf in der angedeuteten Größenordnung wäre eine Zerstörung dieser Sammlung. Unabhängig von der Rechtsfrage, ob das Haus Baden säkularisiertes Klostergut als Privateigentum betrachten darf - es ist nicht einzusehen, warum das Land einem Rechtsstreit aus dem Wege geht -, wird hier doch Kulturgut zur Disposition gestellt, das anerkanntermaßen zu den ganz zentralen Überlieferungsstücken des süddeutschen Mittelalters gehört. Aber auch die Stücke anderer Provenienz sind inzwischen seit Jahrhunderten eng mit unserem kulturellen Umfeld, mit Geistes- und Wissenschaftsgeschichte verwoben - etwa das von Rose-Maria Gropp (F.A.Z. vom 22. September) herausgestellte, ursprünglich für den französischen Hof entstandene und jetzt aus dem Säkularisationsgut des Schwarzwaldklosters Sankt Peter stammende "Breviculum" aus Werken des Raimundus Lullus. Abt Martin Gerbert erwähnte es schon 1773 rühmend in seinem "Iter alemannicum", die kritische Edition besorgte schließlich das Freiburger Raimundus-Lullus-Institut (1990). Eine Zerstörung dieser historischen Sammlungs- und Forschungszusammenhänge - durch die von der DFG finanzierte Katalogisierung sind die Handschriften im übrigen bestens erschlossen - kann man nur als Barbarei ansehen. Ein Verkauf in der angedeuteten Art und eine Zerstreuung dieser Bestände wäre ein Jahrtausendschaden für die kulturelle Überlieferung Badens.

Professor Dr. Albert Raffelt,
Freiburg im Breisgau

[Raffelt ist stellvertretender Leiter der UB Freiburg]

https://www.swr.de/nachrichten/bw/-/id=1622/nid=1622/did=1566218/ph8g5s/index.html

Die SPD kündigte einen Antrag auf die rechtliche Prüfung an, der in vier Wochen im Finanzausschuss des Landtags behandelt werde. Geklärt werden soll unter anderem die Frage, welche Kulturgüter dem Land gehören und welche der markgräflichen Familie. "Mit der Vereinbarung, wie sie jetzt veröffentlicht worden ist, können wir uns nicht einverstanden erklären. Wir dringen darauf, dass dem Landtag genau Bericht erstattet wird, was die juristischen Möglichkeiten des Landes sind und wie das Land künftig mit Kulturgütern umzugehen gedenkt", so der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Nils Schmid im SWR. Bis die Besitzverhältnisse geklärt seien, solle das Land "ruhig Blut bewahren".

"Geringschätzung unserer kulturellen Wurzeln"

Die kulturpolitische SPD-Fraktionssprecherin Helen Heberer betonte, die Veräußerung bedeutender Kulturgüter sei keine Lösung für ein kurzfristiges Stopfen von Finanzlöchern. "Wenn sich das einschleicht, sehen wir bald arm aus", sagte sie. Darüber hinaus forderte sie Alternativen zum Aufbringen der benötigten Mittel. Die geplante Versteigerung der Handschriften sei "nicht demokratisch".


Auf der SWR-Seite gibt es auch einen zweiminütigen Clip zum Thema mit O-Ton Oettinger zur Baden-Klausel.


Sollte das Land Baden-Württemberg sich tatsächlich zum Erfüllungsgehilfen feudaler Privatinteressen machen und nach Vandalenart eine ihrer bedeutendsten Handschriftensammlungen plündern, kann sich die dann zur Provinzklitsche verkommene Karlsruher Bibliothek eintragen lassen in die Liste jener verschwundenen Büchersammlungen - Alexandria, Sarajewo, Weimar -, die allerdings, anders als in Karlsruhe, durch Krieg oder Katastrophen vernichtet wurden.


So endet der Artikel des Handschriftenexperten und Germanisten Norbert H. Ott in der gestrigen SZ, von dem es Auszüge bei
https://giorgione.twoday.net/stories/2715049/
gibt.

Faksimile: https://www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/2006/presse-sz060925.php

https://shorterlink.de/?1d87dc

Verband deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg schlägt Alarm

Mittelalterliche Handschriften der Badischen Landesbibliothek dürfen nicht zugunsten der Instandhaltung von Schloss Salem versteigert werden.

Der VS Baden-Württemberg fordert Ministerpräsident Oettinger dringend auf, die geplante Veräußerung der wertvollen Handschriften der Badischen Landesbibliothek zu verhindern.
Der VS-Landesvorsitzende, Josef Hoben, und der Vorstand sind entsetzt über diese Pläne.

Es kann nicht sein, dass die bedeutendsten Zeugnisse des Landes der Dichter und Denker versetzt werden, um ein marodes Adelshaus finanziell zu unterstützen. Eine Versteigerung der Handschriften würde eine Geringschätzung unserer kulturellen, literarischen und auch sprachlichen Wurzeln bedeuten. Es wäre ein fatales Signal in Zeiten mangelnder Deutschkenntnisse und verheerender PISA-Ergebnisse, wenn die Landesregierung unser kulturelles Erbe verschleuderte und dafür sorgte, dass es in den Tresoren profitgieriger Trophäensammler in aller Welt landet.

Kontakt:
Josef Hoben (VS-Landesvorsitzender)
Telefon: 0151/15246470

Matthias Kehle (Vorstandsmitglied)
Telefon: 0179/5950719

 

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